Kunst im Quartier

Düsseldorf und die Kunst sind untrennbar miteinander verbunden: Mutter Ey und die Düsseldorfer Malerschule, Joseph Beuys und seine Fettecke aber auch die Kunsthochschule kommen Einheimischen wie Auswärtigen sofort in den Sinn, wenn es um das kulturelle Erbe der Landeshauptstadt geht. Doch auch abseits des Eiskellerbergs und der Stadthistorie lassen sich in Düsseldorf Künstler und Kunstschaffende entdecken: Viele von ihnen haben ihre Ateliers, Galerien und Ausstellungsräume in Düsseldorf-Mitte.

Zwischen Bahnhofs- und Japanviertel wird gemalt, performt und präsentiert, teils zum Broterwerb, teils auch, weil die Personen gar nicht anders können. Sie alle stehen für den kreativen Geist, der im Zentrum der Stadt oftmals erst auf den zweiten Blick erkannt wird. Einige von ihnen wird D-Mitte vorstellen und mit ihnen unter anderem darüber sprechen, wie viel Spielraum der Kunst im Viertel eingeräumt wird.

Der größte künstlerische Ballungsraum der Stadt liegt entgegen der verbreiteten Annahme nämlich längst nicht mehr in Flingern: »Flingern ist mittlerweile zu etabliert und teuer. Durch die Gentrifizierung sind die Kulturschaffenden da schon wieder abgewandert, gibt ja kaum noch bezahlbare Fläche dort», erklärt Martin Leyer-Pritzkow beim Besuch in seinen Räumlichkeiten an der Grupellostraße.

Galerie von Martin Leyer-Pritzkow. Armin Baumagrten in seiner Ausstellung

Der renommierte Kunstvermittler hat mehrere Jahre an der Accademia di belle arti di Venezia gelehrt und ist auf zeitgenössische Kunst spezialisiert. Den Schwerpunkt seiner Arbeit sieht der Kurator in der Betreuung seiner mehr als 30 Künstler und der Vermittlung ihrer Werke international: »Es ist auch eine stark menschliche Komponente dabei, wenn ich beispielsweise für einen meiner Künstler da bin, der privat gerade eine Krise durchmacht. Gleichzeitig bin ich Vermittler und das bedeutet: ausstellen, vermitteln, übersetzen und begeistern der Kunst, die ich präsentiere.«

Leyer-Pritzkow begreift sich als Kurator und betreibt daher keine Galerie mit festgelegten Öffnungszeitent, sondern den ältesten Offroom der Stadt. Bei ihm gibt es nur Besichtigungen nach Terminvereinbarung. Wer sich ankündigt, findet in Leyer-Pritzkow einen Sachverständigen, der mit Herzblut dabei ist und keines der Klischees bedient, die über seine Branche im Umlauf sind. Im Gegenteil: »Man muss sehr diszipliniert sei. Mein Handy ist praktisch nie aus, wenn jemand um zwei Uhr nachts anruft und Interesse bekundet, Kunst zu sehen, reagiere ich auch um diese Uhrzeit auf seine Nachricht.« Dies nimmt immer mehr zu, weil die Menschen weltweit direkt reagieren, wenn sie online Kunst sehen, die sie interessiert.

Der Job erfüllt den gelernten Diplom-Volkswirt, der durch seinen Großvater schon früh mit Kunst in Berührung kam und bereits am Gymnasium in Düsseldorf Unterricht von Gerhard Richter und Konrad Fischer erhielt. Die Begeisterung für Kunst, die Martin Leyer-Pritzkow im Gespräch mit D-Mitte wiederholt thematisiert, verbindet ihn mit den anderen Kunstschaffenden des Viertels.

In der Erkrather Straße, wo das Kollektiv punktkommastrich seinen Sitz hat, zeigt sich, dass diese Leidenschaft unabhängig von der Ausrichtung des Schaffens Brücken schlagen kann. Dort arbeiten acht Künstler, Designer und Illustratoren unter einem Dach: »Wir teilen uns Büro, Werkstatt, Atelier und alles was da drin ist, arbeiten aber jeder an eigenen Projekten. Gemeinsam betreiben wir die Galerie im Erdgeschoss und verschiedene Projekte im Kunst- und Kulturbereich.«

m05k in der Galerie Punkt Komma Strich

Teil eines Kollektivs zu sein bedeutet für das Team keine Abhängigkeit, sondern soll inspirieren: »Jeder hat bei uns die Möglichkeit sein eigenes Ding zu machen. Wir vereinen Kunstschaffende, Designer, Illustratoren, Schreiber und Fotografen mit der gemeinsamen Leidenschaft im Viertel einen Kulturraum für Besucher zu schaffen.« Die kreative Vielfalt ist vom pks-Team ausdrücklich gewünscht und es liegt anders als bei anderen Projekten kein Fokus auf einer akademischen Vorgeschichte: »Jeder, der einen Platz zum kreativen Arbeiten sucht und Bock hat mit uns an neuen Projekten als Team Mitglied zu arbeiten, kann mitmachen!» Möglicherweise ist es diese offene Haltung, die dafür sorgt, dass punktkommastrich zu den bekanntesten Kollektiven der freien Düsseldorfer Kunstszene gehört und inzwischen fester Bestandteil der Kunstpunkte ist.

In jedem Fall zeigt sich, dass rund um den Worringer Platz eine harmonische Atmosphäre herrscht, hier arbeiten viele Kunstschaffende einträchtig nebeneinander. In der Worringer Straße 57 beispielsweise leben und wirken ausschließlich Künstler unterschiedlicher Altersklassen und Herkunft. Die Immobilie, die 2015 bezogen wurde, versprüht das Flair eines steten kreativen Austauschs, das bereits im Gespräch mit punktkommastrich zu bemerken war.

Der Co-Geschäftsführer der Galerie am Meer Moritz Webeler, auch Eigentümer der Immobilie, vereint auf seinem Areal bis zu 20 Künstler, die dort nicht nur wohnen, sondern auch ausstellen können. Verantwortlich für die hausinterne Organisation ist Zalar Talar. Der 35-jährige Perser erfüllt dabei viele Funktionen vom Galeristen bis zum Hausmeister und hat stets ein offenes Ohr für die Belange der Bewohner, deren Lebensläufe bunt gemischt sind. Einige von ihnen haben vor zehn Jahren den Abschluss an der Akademie erworben, andere studieren noch und wieder andere besitzen überhaupt keine klassische Kunstausbildung.

Hauseigentümer und „Künstlerförderer“ Moritz Webeler

In dem Haus, das kurz W57 genannt wird, werden die unterschiedlichsten Kunstformen realisiert. Ähnlich wie bei punktkommastrich werden nicht nur die üblichen Genres bespielt, sondern auch Drucker, Buchbinder, Kunstgießer und Designer herzlich empfangen und ins Konzept integriert. Entstanden ist eine facettenreiche Gemeinschaft, die regelmäßig erfolgreiche Ausstellungen auf die Beine stellt und deren Künstler sich auch auf der internationalen Bühne bewegen.

Auch die Selbstbestimmung der jungen Künstler des Hauses wird gefördert, im Untergeschoss befinden sich Projekträume für alle Altersklassen. Diese können auch als Arbeitsraum von jenen genutzt werden, die sich beim W57 für Ausstellungen bewerben. Diese Räume dürfen ohne hausinterne Kontrolle frei gestaltet werden und bilden das Gegenprogramm zur eigenen Galerie. Auch finanziell: Falls jemand vorstellig wird, der einen Arbeitsraum benötigt, aber diesen nicht bezahlen kann, darf er beispielsweise mit einem seiner Werke die Mietkosten begleichen. Das Projekt W57 misst der Kunst hohen Wertigkeit bei und setzt sich daher auch für deren Erhaltung ein, weshalb dort auch am Aufbau einer Zeitgeistsammlung gearbeitet wird.

Auch Wilko Austermann denkt ähnlich fernab der Kommerzialisierung. Er konzipiert seit 2014 wenige Gehminuten vom W57 entfernt Ausstellungen. Der 27-jährige Kunsthistoriker verfügt mit der Antichambre im Hotel friends über einen der wahrscheinlich interessantesten Offrooms der Stadt und steckt mit seiner Begeisterung sofort an.

Die Räume des kultigen Hotels waren früher ein Supermarkt. Diese Vorgeschichte wurde im Haus am Worringer Platz liebevoll ins aktuelle Interieur integriert: die Rezeption etwa wird von einer ehemaligen Kühltheke flankiert. Das Konzept Austermanns ist ähnlich angelegt. Er arrangiert seine Ausstellungen entlang der Hotelthematik. Es gibt beispielsweise raumfüllende Installationen auf dem Dach, die von den einzelnen Zimmern aus ebenso gut beobachtet werden können wie von der Lobby. Die Ausstellungen im Kellergeschoss können nur erreicht werden, indem man die Lounge des Hotels durchschreitet.

Kurator Wilko Austermann im Antichambre

Die vielseitige Beschäftigung mit der Location spiegelt sich auch im Namen des Offrooms wieder: »Zum einen ist die Antichambre zu früheren Zeiten das Vorzimmer im Schlossbau gewesen und damit ein Raum, den man nicht umgehen konnte. Zum anderen lässt sich das Wort in seine wörtlichen Bestandteile zerlegen, was mit ‚anti‘ und ‚chambre‘ somit zu einem Antizimmer wird und damit spielen soll, dass die Künstler mit ihren Projekten hier immer auch auf das Hotel, die Zimmer und die Atmosphäre reagieren und Einfluss nehmen. Hinter dem Namen Antichambre im Hotel friends verbergen sich daher verschiedene Ausstellungen an verschiedenen Orten im Hotel, wie eben auf dem Dach oder in den Kellerräumen.«, erklärt der junge Kurator.

Die einzigartige Verbindung zwischen ihm und dem Hotel kam zufällig zustande; ursprünglich wollte Austermann im Glashaus auf dem Worringer Platz ausstellen. Die Verantwortlichen des Gasthofs Worringer Platz brachten ihn mit der Leitung des Hotels in Kontakt.

Auch NRW-Regionaldirektor Hendrik Grünefeld ist stolz auf die Kunstausstellungen im Düsseldorfer Haus: »Wir haben durch unsere Erweiterung im Jahr 2016 viel Platz für Möglichkeiten. Ich möchte jungen Künstlern den Raum für ihre spannenden Projekte geben. Wir denken in vieler Hinsicht quer und konnten damit bereits Ausstellungen und Performances an unterschiedlichsten Ort im Hotel realisieren. Die hierdurch mögliche Teilnahme an großen Events wie der Nacht der Museen und dem Photoweekend runden die tolle Zusammenarbeit ab.« Die innovative Haltung der Führungsriege hat dem jungen Kurator viele Türen geöffnet: »Das Projekt hier ist ehrenamtlich, aber es war und ist eine großartige Chance, mich und mein Können zu präsentieren. Ich habe durch die Ausstellungen hier inzwischen mehrere andere Projekte kuratieren dürfen und konnte so Referenzen sammeln. Und natürlich ist es toll, wenn man in meinem Alter sagen kann, ich bin freier Kurator und die Künstler unterstützen zu können und sich zu freuen, wenn den Besuchern meine Konzepte gefallen.«

Wer jetzt glaubt, dass diese aufrichtige Begeisterung verloren ginge, sobald man sich gewerblich mit Kunst auseinandersetzt, irrt – auch Bernd Lausberg, dessen Galerie an der Hohernzollernstraße sich auf konkrete Kunst und Fotografie spezialisiert hat, versteht sich in erster Linie als Kurator und nicht als Ökonom. Er verrät, dass eine seiner liebsten Ausstellungserfahrungen abseits der klingelnden Kasse liegt: »Ich liebe installative Kunst, also Kunst, die Räume verändert, zum Beispiel mittels Folie. Es gibt einen Künstler, der meine Räume bei Ausstellungen komplett mit Folie auskleidet. Das lässt sich natürlich nicht verkaufen, aber es sind doch die schönsten Momente, diese Arbeiten zu betrachten und des Eindrucks gewahr zu werden, den sie bei den Besuchern hinterlassen.«

Galerie Bernd A. Lausberg.

Bei aller Begeisterung, die der Galerist und die Kunstschaffenden des Viertels ausstrahlen, gibt es auch Schattenseiten, vor denen keiner die Augen verschließen kann. Fakt ist nämlich, dass die Kulturpolitik der Stadt gerade im Bereich der freien Szene zu wünschen übrig lässt.

Dabei gibt es von den Kreativen eindeutige Vorschläge, wie sich die Situation verbessern ließe: »Wünschenswert für gesundes Wachstum einer Kunst- und Kulturszene in Düsseldorf wären mehr frei nutzbare Räume, in denen sich Kulturschaffende ausbreiten können und die Möglichkeit haben, Ideen umzusetzen. Dazu sollte es eine höhere Toleranz der Behörden für die Zwischennutzung von leerstehenden Räumlichkeiten geben. Oftmals werden diese direkt privatisiert und an Investoren verkauft und bleiben zunächst ungenutzt anstatt sie der ‚freien Szene‘ zur Zwischen- oder Dauernutzung für kulturfördernde Projekte zur Verfügung zu stellen.

Hinzu kommt die stetige Gentrifizierung. Dadurch geht die Verbindung zu den Studierenden und Universitäten verloren. Den freischaffenden Künstlern und angehenden Kreativen sollte die Möglichkeit gegeben werden, in den Kreativquartieren der Stadt wohnen bleiben zu können«, erklärt das punktkommastrich-Team.

Dieser Haltung pflichten auch andere städtische Kunstschaffende wie Martin Leyer-Pritzkow bei: Wenn er auch selbst nicht von den Entscheidungen der Stadt betroffen sein mag, da er selbstständig tätig ist, bemerkt er doch, dass die Künstler und ihre Arbeit in der Regel falsch wahrgenommen werden:

Galerie Bernd A. Lausberg.

»Das Problem in der Kulturpolitik ist an der Stelle auch schlicht der Eindruck, dass Kunst keine Arbeitsplätze schaffe und dementsprechend auch keine sinnvolle Investition sei. Viele haben beim Künstler noch immer denjenigen vor Augen, der allein in seinem Kämmerlein vor sich hin malt. Wahr ist jedoch, dass jemand wie Imi Knoebel beispielsweise ein Team von 10 oder 20 Leuten hat und auch viele andere Künstler einen Mitarbeiterstab besitzen und viele externe Dienstleister für ihre Projekte beanspruchen. Es wäre also durchaus ratsam, den Blick auf die Kunst als Branche zu richten, an der Arbeitsplätze hängen.«

Ein Vorschlag, den vermutlich auch die Beteiligten am PostPost-Projekt gut unterschreiben könnten. Deren Zwischennutzungsrechte laufen zum Dezember aus und mit dem Abriss des alten Postverteilungszentrums und der Schließung des Boui Boui in Bilk verliert Düsseldorfs freie Szene in diesem Jahr zwei weitere kreative Spielwiesen ans Kalkül kommerzieller Planwirtschaft. Das Aus für den kreativen Geist in Mitte bedeutet dies jedoch nicht, denn alle vorgestellten Galerien, Kollektive und Akteure bereiten bereits die nächsten Ausstellungen und Projekte vor – auch wenn die Möglichkeiten zunehmend begrenzt werden.

Miriam Fest

 

BU

In der Galerie punktkommastrich

Die Galerie punktkommastrich

Martin Leyer-Pritzkow

m05k in der Galerie

Zalar Talar, W57

Wilko Austermann im Antichambre

In der Galerie Lausberg

 

Bernd Lausberg mit Interessenten

 

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