Theater oder bald Realität?

Unser Viertel wurde jahrzehntelang vernachlässigt und schlechtgeredet, im besten Fall ignoriert. Nun soll Düsseldorfs Eingangstor aufgewertet werden.

Und so steht unser Quartier jetzt im Hauptfokus von Stadtplanern und Investoren. Aber auch die Kunst hat das Viertel entdeckt. Mit höchst unterschiedlichen Formaten will sie sich ihm widmen.

 Mit einer ganz besonderen Inszenierung wartete das Theater-Kollektiv per.Vers auf. Es führte das Stück »Babylon Im- und Export« auf – eine interaktive Inszenierung. Das Theaterkollektiv per.Vers. ist ein Zusammenschluss professioneller Theaterleute unter der künstlerischen Leitung des Regisseurs und Schauspielers Christof Seeger-Zurmühlen und der Schauspielerin Julia Dillmann. Im Mittelpunkt steht das Thema »Verdrängung durch Bauvorhaben«.

»Es geht um die Frage, wie und unter wessen Einfluss sich die Stadt entwickeln wird«, erläutert Seeger-Zurmühlen. Hier in Stadtmitte, wo Investoren große Areale neu planen und umgestalten, ändert sich nicht nur das urbane Erscheinungsbild, sondern auch die gesellschaftliche Struktur – eine extrem reizvolle Perspektive, die das Theaterkollektiv dazu animiert, die Zuschauer mit auf eine dreistündige Expedition durch den globalen Mikrokosmos rund um den Hauptbahnhof zu nehmen.

Die Darsteller verkörpern ein fiktives Expertenteam, das sich und ihrer Umgebung in schillerndsten Farben ein prosperierendes, wirtschaftsorientiertes Quartierskonzept der Zukunft ausmalt. Die Zuschauer als Teilnehmer dieser Reise übernehmen dabei die Rolle von Interessenten und potenziellen Investoren, denen das Areal schmackhaft gemacht werden soll.

Das fiktive Babylon-Team informiert die Teinehmer/Investoren im Bus

Dazu hat das Team auf eine 700 qm leere Fläche auf das Gelände der Alten Farbwerke eingeladen. Ein futuristischer Raum für zukunftsträchtige Ideen. Von hier aus startet auch die Zeitreise mit den rund 50 Teilnehmern und dem Team durchs Viertel – mit dem Bus und zu Fuß durch Hinterhöfe oder in Geschäfte und Spielhöllen.

Interaktion ist Trumpf, wenn die realen Ladenbesitzer aus ihrem Lebensalltag berichten, und die Expeditionsteilnehmer auf Menschen treffen, die tatsächlich in diesem Stadtteil leben und arbeiten. Satirisch kunst- und humorvoll stellt die Tour einen Ausflug zu den verborgenen Handelsplätzen der Stadt und eine Reise durch den globalen Mikrokosmos rund um den Hauptbahnhof dar.

In der Konditorei Radin

Die Teilnehmer, also die potenziellen Käufer, haben etwas von einer Reisegruppe. Gerade noch aus einem langen Bus ausgestiegen, zwängen sie sich in den kleinen Laden an der Kölner Straße. Konditorei Radin heißt das erste Geschäft. Radin, wie der kleine Sohn des Verkäufers, der vor der Theke voller Gebäck steht. Im knallroten Gewand wuselt Sabrina vom Theaterkollektiv durch den Laden und fragt den Besitzer aus: Wie geht das Geschäft, welche Produkten bieten sie? Und: Darf der bleiben oder muss er dem Bauprojekt »Babylon« weichen? Das müssen später die Interessenten entscheiden, die zuvor noch etwas von den Süßigkeiten naschen dürfen.

Dann geht es über die Straße zu Fahrrad-Müller. Der Traditionsunternehmer gegenüber erzählt über sein Geschäft, misst den Sitzhöcker-Abstand einer Teilnehmerin aus, damit diese weiß, wie breit ihr Fahrradsattel sein soll. Anschließend geht’s zum Friseur-Salon gegenüber, geführt von einer Ghanaerin. Sie zeigt, wie Rasta-Frisuren kreiert werden. Schließlich geht’s mit dem Bus zum koreanischen Supermarkt. Hier erklärt der Juniorchef via Audio-Guide nicht nur die Produkte, sondern auch Kultur und Musik des fernöstlichen Landes.

Vor dem koreanischen Supermarkt

Es geht weiter, das Theaterkollektiv tanzt mit wehenden Capes durch den Regen über die Bürgersteige der Oststraße, auch die Inhaberin des Friseurgeschäftes aus Ghana ist nun mit dabei. Die Teilnehmer lassen sich mittlerweile über Kopfhörer über das »älteste Gewerbe« informieren, das auch hier ausgeübt wird. Dann geht es zum traditionellen Tabak-Laden, in dem der Besitzer mit einer Zigarre wartet. Die Geschäftsinhaber geben alles, um zu gefallen. Verteilen Snacks, erklären, erzählen Privates – und sie tanzen sogar.

»Babylon Im- und Export« auf dem Weg durch die Stadt

Das Babylon-Team karikiert genüsslich und mit viel Esprit die Investoren- und Werbewelt, zeigt die Diversität des Viertels, die sie für ihr neues Quartier nutzen wollen. Tatsächlich, Düsseldorf kann viel mehr: schöne, lichtdurchflutete Eigentumswohnungen, begrünte Dächer auf futuristischen Hochhäusern und »lustvolles Einkaufen«. Auch Kitas und Wohnungen für Studierende verspricht das Team den potenziellen Käufern, den »highrated individuals«.

Es ist eine schöne neue Welt, für die sich die aktuellen Geschäfte hier erst einmal bewerben müssen. Die potenziellen Käufer entscheiden, wer von ihnen bleiben darf. Die »Vorlagen« liefern ihnen auch hier die Schauspieler mit ihren fiktiven Argumenten. Und auch hier zählt nur eines: die Rendite. Und so wird der Rest, wie in der Realität üblich, auch hier verdrängt.

Und jetzt vermischt sich die Fiktion des Theaterkollektivs mit der Realität der Teilnehmer. Sie übertragen die Hypothesen auf die Zeit nach der Realisierung eines wirtschafts-

orientierten Quartierskonzeptes und stellen die Frage, wer von den jetzt hier Wohnenden sich ein Bleiben leisten kann.

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