Ein Platz per Zufall

Anno 1810 führte ein einsamer Heckenweg über die Äcker von Flingern an Düsseldorf vorbei nach Bilk (die heutige Acker- und Karlstraße). Er kreuzte den Pfannenschoppenweg, den man später wegen der dort ansässigen Franziskaner Klosterstraße nennen wird. Ziegeleien höhlten den Lehmboden aus und brachten ihre Pfannschoppen (Dachziegel) auf dem einzigen Weg nach Düsseldorf. Daneben verlief die uralte Kölner Chaussee, die die Ackerstraße kreuzte.

Im Jahre 1885, mit dem Bau des neuen Hauptbahnhofs, wurden die Gleise der seit 1845 bestehenden Köln-Mindener Bahn abgerissen. Auf ihnen entstand der »Innere Ring«. Der Teil, der über die Acker-, Kölner- und Klosterstraße führte, wurde »Worringer Straße« benannt, in Erinnerung an die siegreiche Schlacht von Worringen im Jahre 1288. Der Kreuzungspunkt der Straßen beschrieb ein Dreieck, das am 1. März 1906 den Namen »Worringer Platz« erhielt.

Nach dem 1. Weltkrieg kam ein Pavillon mit einem kleinen Türmchen auf das Dreieck. Auf dem Dach der berühmte »Kiepenkerl«, eine heute verschwundene Bronzestatue. Eine Zeitlang sah das Gebilde fast aus wie ein Platz.

In den 1930er Jahren war die Gegend um die Großkreuzung ein blühendes Geschäftsviertel. Die vielen Arbeiter aus den umliegenden großen Fabriken benutzten hier nicht nur die öffentlichen Verkehrsmittel, sondern kauften auch für ihren alltäglichen Bedarf ein. Auch die »Brause- und Badeanstalt« lockte Gäste an. Die Gaststätten erfreuten sich regen Zuspruchs. Damit die Männer dort nicht ihren Wochenlohn vertranken, warteten ihre Ehefrauen häufig schon am Werkstor, um Gatten und Lohntüte in Empfang zu nehmen.

Anfang der 1960er Jahre wurden die Kriegsruinen abgerissen und es entstand die jetzige räumliche Dimension. 1970 startete in einem großen Theater, dem Capitol, an der Nordseite des Platzes die deutsche Musicalgeschichte mit »HAIR« – und damit Diskussionen, ob Schulklassen hingehen dürften, denn es gab nackte Schauspieler auf der Bühne. Das Capitol fungierte als Kino und Theater und stand bis Mitte der 1970er Jahre.

Ein zusammenhängender Platz wurde der Worringer Platz nie. Die Zerschneidungen durch Straßen und Straßenbahngleise verhindern das. Eine Untertunnelung sollte Fußgängern sicheren Weg bieten, aber das schlug gänzlich fehl. Immer wieder wurden unterirdisch die Vitrinen zertrümmert und ausgeraubt. Viele Passanten benutzten den Tunnel nicht, sondern bevorzugten den halsbrecherischen Weg über die oberirdischen Grünstreifen.

Die Umgestaltung des Worringer Platzes ist ein Dauerbrenner bis heute. Im Jahre 2000 wurde im Stadtrat beschlossen, ihn zu einer »grünen Insel« umzugestalten. Künstler, Anwohner und Stadtplaner hatten in verschiedenen Projekten den Ort belebt und mit Aktionen auf die Problematik aufmerksam gemacht. Grünliche Pflastersteine, lange »Stadtsofas« aus Glassteinen und zusätzliche Bäume sowie höher gelegte Bahnsteige für die Straßenbahnen sollten Verbesserungen bringen.

Seit mehr als zehn Jahren ist die Künstlerinitiative »Gasthof Worringer Platz« aktiv. Sie veranstaltet Ausstellungen, Performances und Rauminstallationen für einen städtischen Platz im Durchgangsverkehr.

 Der Worringer Platz nach dem Umbau 1964

 Der Worringer Platz mit Pavillon und Kiepenkerl um 1930

 2016, Aktion des »Gasthof Worringer Platz«

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